MANE
DOKUMENTARFILM von Sandra Krampelhuber
Österreich, Senegal 2020 (55 Min.)
Originalsprachen: Wolof, Diola, Französisch mit deutschen Untertiteln
Inhalt
MANE bedeutet auf Wolof „Ich“ – zwei junge Frauen – zwei Lebensentwürfe – eine Vision! Eine Rapperin in der pulsierenden Großstadt Dakar und eine Ringkämpferin in der beschaulichen Casamance im Südsenegal. Ein Wechselspiel der Schauplätze durch Raum und Zeit. Ein Kampf mit Worten und Poesie über Frauenpower und für eine bessere Zukunft und ein Kampf mit hartem körperlichem Training für persönliche und kulturelle Selbstbestimmung. Die jungen Frauen verbindet der Wille und der Mut, sich aus dem Korsett von Rollenbildern zu befreien und Dinge zum Positiven verändern zu wollen, angetrieben von Ehrgeiz und Solidarität mit anderen Frauen.
Die Ringerin
„Lass dir von keinem sagen, was gut für dich ist!“
Jeannette „Emodj“ Sambou lebt bei ihrer Familie in der Casamance, ein für seine reizvollen fruchtbaren Landschaften bekanntes Gebiet im Süden des Senegal. Die Kamera fängt den Reiz des Ortes, an dem Emodj mit ihrer Familie lebt, ein. Nichts ist laut, nichts ist hektisch. Die Vögel in den alten knochigen Bäumen zwitschern, Tiere streifen umher. Emodj fühlt sich mit der sie umgebenden Natur tief verbunden. Ihre Vision über die „Dinge im Wald“ steht in der Tradition der Diola- (auch Jola-)Kultur. Die Kunst des Ringsports, den Emodj ausübt, ist in dieser Kultur tief verwurzelt und wird von Generation zu Generation weitergegeben – auch von Frauen an Frauen. Emodj hat das Ringen “vorgefunden“, wie sie sagt, genauso wie den Wald, durch den sie allmorgendlich joggt. Ihre Bewegungen sind leichtfüßig, erinnern an einen Tanz. Und so scheint sie auch fast über den Sandboden zu schweben, wenn sie ihre Gegnerinnen am Strand im Wettkampf zu Boden ringt.
Die junge Frau besucht noch die Schule. Heimlich, ohne der Mutter etwas zu sagen, hatte sie sich beim Training angemeldet. Emodj sieht ihre Zukunft im Ring-Sport. Auch ihr Vater war ein bekannter Ringer. „Das Ringen könnte im Blut sein“, sagt die Mutter lachend, Isabel Sambou, die eine bekannte und erfolgreiche Ringerin war. „Sie (Emodj) liebt es und macht es mit all ihrer Stärke!“ In ihrer Freizeit trainiert Emodj hart für den nächsten Wettkampf. Ihr Bestreben, professionelle Ringerin zu werden, hat Symbolcharakter. Ihre Geschichte lässt sich auch als anhaltenden Widerstand von Frauen gegen die Geschlechter-Verhältnisse in Senegal lesen. Und Emodjs Vorbild und heutige Trainerin ist Isabel Sambou, die berühmte Mutter, die im Film ausführlich zu Wort kommt. Mit einundzwanzig Jahren gewann Isabel Sambou 2001 ihren ersten Wettkampf, neun Mal war sie afrikanische Meisterin, einmal Weltmeisterin im Beach Wrestling, 2012 wurde sie fünfte bei der Olympiade (Peking). „Andere denken, du siehst aus wie ein Mann!“ – aber daraus macht sich Isabel Sambou nichts. Sie ist stolz auf ihren durchtrainierten Körper, der durch das Training muskulös geworden ist und nicht mehr verbreiteten Vorstellungen von Weiblichkeit entspricht.
Die Rapperin
„Siegen heißt jeden Tag mit neuen Ideen aufstehen“
Die Kamera begleitet Astou Gueyé aka Toussa Senerap durch das umtriebige Dakar, in die Studios, zu Konzerten, auf Straßen und Märkte; Toussa ist Teil der urbanen Kunst- und Musikszene, die weit über die senegalesische Hauptstadt hinaus große Popularität erlangt hat, und sie ist vernetzt mit anderen Künstler:innen und Kollektiven. Einmal trifft sie die Fotografin Ina Ndeye Fatou Thiam, beide sind erfolgreich mit ihrer Kunst und reden darüber, dass es schwer ist, sich als Frau durchzusetzen. Rapperinnen wie Toussa müssten sich in der coolen Männerwelt der Hip-Hop-Szene „fühlen wie ein Reh in einem Rudel Hyänen“, meint ein befreundeter Musiker im Film. Toussa kommentiert das nicht weiter. Als Stimme ihrer Generation wird sie von jungen Leuten, vor allem jungen Frauen, verehrt. „Geh deinen Weg, du bist keinem Mann etwas schuldig!“ Toussa hat es geschafft. Die Mädchen und Frauen, die ihre Konzerte besuchen, lassen sich von ihrer Energie anstecken, dieWiderstände überwinden kann – auch das Geläster von Männern über Frauen in der Hip-Hop-Szene.
Toussas A-cappella-Gesang ist kein Spaß. In ihren Versen klagt sie die sozialen Zustände und die Gleichgültigkeit und den Fatalismus in der senegalesischen Gesellschaft an, die Korruption im Alltag, Armut überall, Kinder, die betteln, die miserable Situation, aus der viele Jugendliche entkommen und sich auf den Weg nach Europa machen wollen. Doch Astous Botschaft ist eindeutig, ihr Credo ist, nicht fortzugehen, sondern die Dinge dort zu verändern, wo man ist. In einem anderen Song beschreibt sie ihren Weg als echte Kriegerin, die „niemals müde wird, niemals ruht“. Und immer wieder sagt sie in die Kamera hinein, dass Frauen zwar die Unterdrückten seien aber doch immer die Stärkeren. Befragt die Geschichte! Toussa stellt ihren Kampf mit Worten in die Tradition „wahrer Kriegerinnen“ in der Geschichte Senegals, wie Alin Sitoe Diatta, Jëmbat Mboji und die Frauen von Nder im Norden Senegals, die sich an einem Dienstag im November 1819 lieber selbst verbrannten, als Sklavinnen ihrer plündernden Nachbarn zu werden. Tradition ist für die junge ernste Frau ein großes Thema. Ob die Großmutter ihre Musik gut findet? Fast ängstlich wartet die Enkelin auf die Antwort, als sie beieinandersitzen. Die alte Dame mag die Musik ihrer Enkelin nicht, aber da es wohl Allahs Wille ist, diesen Weg zu gehen und der jungen Frau vorbestimmt ist, eine Musikerin zu sein, gibt sie Toussa ihren Segen. Inschallah!
Würdigung
MANE ist ein stark von den Biografien der beiden jungen Protagonistinnen geprägter Dokumentarfilm, und der Film hat ein feministisch motiviertes Anliegen. Er erzählt die Geschichte zweier Frauen, die ein selbstbestimmtes Frauenleben in einer von Männlichkeit dominierten Gesellschaft führen wollen. Dabei verlässt sich die Regisseurin ganz auf die Ausstrahlung und Wirkung der starken Persönlichkeit der von ihr portraitierten Frauen. Sie kommentiert oder erklärt an keiner Stelle aus dem Off. und überlässt es dem Zuschauer, sich ein Bild zu machen. und herauszufinden, wer die Protagonistinnen sind. Dass Isabel Sambou zum Beispiel eine maßgebende Persönlichkeit öffentlich bekannte Person im Ringsport geworden ist und junge Frauen trainiert und fördert, schmälert nicht die Entschlossenheit ihrer Tochter, in ihre Fußstapfen zu treten und davon zu träumen, ein Champion zu werden. Doch es rückt das Bild, das der Film von ihr zeichnet, in einen anderen Kontext. Emodj ist keine Einzelkämpferin; sie kann sich auf die Unterstützung der Frauen, die sie umgeben, verlassen. Emodj stellt sich in die Reihe ihrer Ahninnen, die den Ringsport als Teil ihrer Diola-Kultur lebendig halten und steht in der Nachfolge unbeugsamer Frauen, von denen nahezu nichts in den Geschichtsbüchern zu lesen ist. Das Gefühl von Stolz und Entschlossenheit verbindet die beiden Protagonistinnen, die sich im Film nur in einer etwas gestellt wirkenden Szene am Telefon austauschen und sich gegenseitig Mut und Zuversicht zusprechen. Toussa wirkt im Film ernst und streng. Sie stellt den Kampf mit Worten, wie sie erklärt, in die Tradition der „wahren Kriegerinnen“, die sich gegen die koloniale Vereinnahmung ihrer Lebensorte durch die Besatzer erhoben haben – wie Alin Sitoe Diatta, Jëmbat Mboji und andere (vgl. hierzu „Antikolonialer Widerstand – Wer war Alin Sitoe Diatta“).
Es sind Filmszenen wie die über das Nachdenken über die Wirkungsmächtigkeit der Poesie, die den Dokumentarfilm der österreichischen Regisseurin Sandra Krampelhuber auszeichnen. Ihr Gespür dafür, den Film nach dem aus der Musik entliehenen Gestaltungsmittel call and response (Ruf und Antwort) aufzubauen, spiegelt sich an den unterschiedlichen Schauplätzen, dem Kontrast zwischen ländlichen und städtischen Erfahrungsräumen und in den fiktiven Dialogen der Protagonistinnen. In einer Filmszene versucht der Lehrer in der Schule auf dem Land herauszuarbeiten, was Poesie ist. Poesie sei vom Innersten des Menschen inspiriert, sagt der Lehrer, sie sei ein Lied der Seele und brächte die Menschen zum Singen! Toussa, die Rapperin, weiß, dass Poesie Worte mit Versen sind, wie man es eben in der Schule lernt. Und der Rap sei wie Poesie. Das mache den Charme aus. Deshalb habe sie den Rap lieben gelernt und begonnen, Texte zu schreiben. „Rap kommt von der Straße. In der Poesie gibt es Normen und Regeln. Aber diese Musik der Straße, die auch Poesie ist, macht ihre eigenen Regeln. Das macht den Unterschied aus. Jeder kann nach seiner Erkenntnis von dem, was wir auf der Straße gelernt haben, seinen Beitrag leisten … das ist das Außergewöhnliche am Rap. In der Religion heißt es ‚spirit‘. Auf der Straße nennen wir es ‚vibe‘“.
MANE ist ein feministischer Film, der eine moderne und positive Geschichte der weiblichen Selbstermächtigung aus der Sicht zweier junger Frauen erzählt, sagt die Regisseurin. Dabei lässt sie jedoch die Erfahrungen und Ansichten der Mütter und Großmütter nicht außen vor. Tradition ist eine wichtige gemeinschaftliche Erfahrung gegenseitiger Zuneigung und Fürsorge zwischen den Frauen-Generationen. Auch das zeigt der Film. Seine Botschaft ist eine universelle: Entschlossenheit und Mut kann Menschen beflügeln, sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Die Frauen, die hier vor dem Hintergrund ihrer Lebensumstände in Senegal portraitiert werden, können für andere junge Frauen ein Vorbild sein, Veränderungen durch den Mut, an sich selbst zu glauben, zu erreichen!
Der ganze Text erschien bei EZEF – Filme aus dem Globalen Süden




