Die 37. Tagung des FAO-Fischereiausschusses (COFI 37) vom 7. bis 11. September 2026 in Rom befasste sich mit der Zukunft von Fischerei und Aquakultur angesichts wachsender Nachfrage und zunehmenden Drucks auf aquatische Ökosysteme. Zentrale Themen waren Ernährungssicherheit, Kleinfischerei, illegaler Fischfang, Klimawandel und internationale Meerespolitik sowie die Rolle von Frauen und jungen Menschen.

In der Debatte über Aquakultur setzte FAO-Generaldirektor Qu Dongyu einen deutlichen Akzent: Bereits beim vorausgehenden SSF Summit hatte er dafür geworben, den zusätzlichen Bedarf an aquatischen Lebensmitteln durch Aquakultur zu decken. Dabei verwies er auf Produktionssteigerungen durch digitale Technik und künstliche Intelligenz. Seine Aussage, es brauche mehr Fisch, aber keine zusätzlichen Wildfänge, sorgte für Kontroversen.
Manuel Barange, beigeordneter FAO-Generaldirektor und Leiter der Abteilung für Fischerei und Aquakultur, unterstrich bei der Vorstellung von SOFIA 2026 die wachsende Bedeutung der Aquakultur. Zugleich warnte er, dass die Pro-Kopf-Verfügbarkeit aquatischer tierischer Lebensmittel in Afrika bis 2034 voraussichtlich zurückgehen werde. Die afrikanische Regionalgruppe forderte eine bessere Datengrundlage für die handwerkliche Fischerei, insbesondere die Binnenfischerei. Südafrika betonte, Aquakultur solle die Fischerei ergänzen und die lokale Lebensmittelversorgung stärken. Ghanas Fischereiministerin Emelia Arthur stellte nationale Reformen vor, darunter die Erweiterung der für die Kleinfischerei reservierten Küstenzone von sechs auf zwölf Seemeilen.
CAOPA-Generalsekretär Dawda Saine forderte angesichts der drohenden Versorgungslücke in Afrika konkrete Maßnahmen: Investitionen in Anlandestellen, Kühlhäuser und Verarbeitung sollten Fischverluste verringern. Zudem müsse der menschliche Konsum Vorrang vor der Verarbeitung von Fisch zu Fischmehl und Fischöl erhalten.
CAOPA-Erklärung zu SOFIA 2026: „Fisch muss zuerst Menschen ernähren“
Fisch, der vor den Küsten Senegals, Mauretaniens oder Gambias gefangen wird, sollte afrikanische Familien ernähren. Stattdessen wird er immer häufiger zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet – unter anderem als Futter für Zuchtlachs und Garnelen, die in Europa und Asien verkauft werden.
Was wir kritisieren
Die FAO setzt mit ihrer „Blue Transformation“ auf ein starkes Wachstum der weltweiten Aquakultur. Dieses Wachstum wird als Beitrag zur Bekämpfung des Hungers dargestellt. Doch nicht jede Form der Aquakultur verbessert die Ernährungssicherheit. Problematisch sind vor allem intensive Zuchtmodelle, die große Mengen wild gefangener Fische als Futtermittel benötigen. Dadurch geraten kleinpelagische Arten wie Sardinellen und Bonga unter zusätzlichen Druck – Fische, die in Westafrika unmittelbar für die Ernährung und als Lebensgrundlage der Küstengemeinden gebraucht werden.
Wir wenden uns nicht gegen Aquakultur. Wir wenden uns gegen eine Aquakultur, die den Menschen vor Ort den Fisch entzieht.
CAOPA-Präsident Gaoussou Gueye brachte es in Rom auf den Punkt:
„Nahrhafter Wildfisch, insbesondere kleine pelagische Arten, muss zuerst die lokale Bevölkerung ernähren und die Lebensgrundlagen der Fischer, Fischverarbeiterinnen und Händlerinnen in der Region sichern. Die Entwicklung der Aquakultur darf nicht zu einer stärkeren Konkurrenz um diese Ressourcen führen.“
CAOPA fordert deshalb Formen der Aquakultur, die die handwerkliche Fischerei ergänzen, statt sie zu verdrängen, und die nicht auf ganzen, für den menschlichen Verzehr geeigneten Fischen als Futtermittel beruhen.
Sechs zentrale Kritikpunkte
1. Westafrikanischer Fisch fehlt auf den lokalen Märkten
Jährlich werden mehr als 500.000 Tonnen kleiner Fische aus westafrikanischen Gewässern zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet. Diese Menge könnte rechnerisch mehr als 33 Millionen Menschen in der Region ernähren. Für die Frauen, die Fisch verarbeiten und vermarkten, bedeutet diese Entwicklung weniger Rohware. Für die Bevölkerung bedeutet sie steigende Preise und einen schlechteren Zugang zu einem wichtigen Grundnahrungsmittel. Deshalb muss der Anteil westafrikanischer Kleinfische, der zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet werden darf, klar begrenzt werden.
2. Der Schutz der lokalen Ernährungssicherheit reicht nicht aus
In den internationalen Aquakulturleitlinien fehlen klare Vorgaben, die den Zugang lokaler Gemeinschaften zu Fisch schützen. Allgemeine Aufforderungen, negative Folgen lediglich zu „minimieren“, reichen nicht aus. Notwendig ist eine eindeutige Klausel: Aquakultur und Futtermittelproduktion dürfen den Ernährungsbedarf der örtlichen Bevölkerung nicht gefährden.
3. Die betroffenen Gemeinschaften waren nicht gleichberechtigt beteiligt
Staaten und Unternehmen, die von der industriellen Aquakultur profitieren, hatten großen Einfluss auf die Ausarbeitung der Regeln. Die Organisationen der handwerklichen Fischerei waren dagegen nicht in vergleichbarer Weise beteiligt. Der Entscheidungsprozess muss deshalb überprüft und ausgewogener gestaltet werden. Die Länder, deren Bevölkerung auf Wildfisch angewiesen ist, müssen ebenso viel Gewicht erhalten wie die großen Produzenten und Exporteure von Zuchtfisch.
4. Die Folgen des geplanten Wachstums wurden nicht ausreichend geprüft
Ein starkes Wachstum futterintensiver Arten wie Lachs und Garnelen könnte den Bedarf an Wildfisch enorm erhöhen. Dabei gibt es Alternativen: Muscheln, Algen und andere Arten mit geringem oder ganz ohne Futtermittelbedarf könnten wachsen, ohne zusätzliche Millionen Tonnen Wildfisch zu verbrauchen. Bevor neue Wachstumsziele beschlossen werden, müssen ihre Auswirkungen auf Fischbestände, Ernährungssicherheit und Küstengemeinden untersucht werden. Öffentliche Fördermittel sollten gezielt in Produktionsformen mit geringen sozialen und ökologischen Folgen fließen.
5. Mehr Produktion bedeutet nicht automatisch mehr Nahrung für Afrika
Obwohl die globale Aquakulturproduktion inzwischen einen Rekordstand erreicht hat, stehen den Menschen in Afrika im Durchschnitt nur 9,1 Kilogramm aquatische Lebensmittel pro Jahr zur Verfügung. In Asien sind es 26,3 Kilogramm.Das zeigt: Eine steigende Weltproduktion führt nicht automatisch dazu, dass mehr Fisch auf afrikanischen Tellern landet. Wachstumsziele müssen deshalb mit überprüfbaren Zielen zur Verbesserung der Fischversorgung in Afrika verbunden werden.
6. Die handwerkliche Fischerei braucht einen festen Platz am Verhandlungstisch
Entscheidungen über Aquakultur, Fischmehlproduktion und die Nutzung mariner Ressourcen betreffen die Fischereigemeinden unmittelbar. Dennoch werden die internationalen Regeln vor allem von Regierungen und Industrievertretern ausgehandelt. Organisationen der handwerklichen Fischerei müssen deshalb in allen entscheidenden Gremien dauerhaft und mit eigenen Vertreterinnen und Vertretern beteiligt sein.
Wir unterstützen eine Aquakultur, die:
- die lokale Ernährungssicherheit in den Mittelpunkt stellt;
- möglichst wenig Wildfisch als Futtermittel verwendet;
- Muscheln, Algen und Arten mit geringem Futterbedarf fördert;
- Herkunft und Menge der verwendeten Rohstoffe offenlegt;
- Küstengemeinden frühzeitig und gleichberechtigt beteiligt;
- die Bestände kleinpelagischer Fische schützt;
- soziale und ernährungspolitische Folgen vor einer Ausweitung untersucht.
Unsere Forderungen
- Eine verbindliche Obergrenze für die Verarbeitung westafrikanischer Kleinfische zu Fischmehl und Fischöl.
- Eine klare Klausel zum Schutz der lokalen Ernährungssicherheit in den internationalen Aquakulturleitlinien.
- Eine Überprüfung der bisherigen Entscheidungsprozesse und eine ausgewogene Beteiligung aller betroffenen Länder und Bevölkerungsgruppen.
- Die Veröffentlichung und Berücksichtigung von Folgenabschätzungen, bevor weitere Wachstumsziele beschlossen werden.
- Ein messbares Ziel zur Verringerung der Unterschiede bei der Fischversorgung zwischen Afrika und anderen Weltregionen.
- Einen garantierten Sitz für Organisationen der handwerklichen Fischerei in allen wichtigen Entscheidungsgremien zu Fischerei und Aquakultur.
Beim Speakers’ Corner der COFI37 stellten AUDA-NEPAD und Partner Afrikas Agenda für aquatische Lebensmittel vor. Dawda Saine von CAOPA betonte gemeinsam mit weiteren Fachleuten die Bedeutung nachhaltiger Fischerei, inklusiver Wertschöpfungsketten und einer engeren Verbindung zur Klimapolitik. Afrikanische Akteure sollen dabei die Umsetzung konkreter Maßnahmen für Ernährungssicherheit, Klimaresilienz und Wirtschaftswachstum steuern.

Foto: Aliou Diallo
Beim Speakers’ Corner der COFI37 stellten AUDA-NEPAD und Partner Afrikas Agenda für aquatische Lebensmittel vor. Dawda Saine von CAOPA betonte gemeinsam mit weiteren Fachleuten die Bedeutung nachhaltiger Fischerei, inklusiver Wertschöpfungsketten und einer engeren Verbindung zur Klimapolitik. Afrikanische Akteure sollen dabei die Umsetzung konkreter Maßnahmen für Ernährungssicherheit, Klimaresilienz und Wirtschaftswachstum steuern.





