„Das antikoloniale Berlin war eigenwillig, revolutionär und flüchtig!“ An den großen Fenstern der neuen Räume von Dekoloniale in der Berliner Wilhelmstraße hängen deutlich sichtbar Plakate. Sie werben für die Ausstellung Stand in Solidarity! Schwarzer Widerstand und globaler Antikolonialismus in Berlin, 1919-1933. In der pulsierenden Großstadt lebten damals auch schon Migrant:innen aus den abgetretenen deutschen Kolonien in Afrika, deren Lebenswege sich hier kreuzten. Getragen wird das seit 2020 laufende Projekt Dekoloniale von zivilgesellschaftlichen Organisationen, genauer von EOTO (Each One Teach One), ISD (Initiative Schwarze Deutsche) und Berlin Postkolonial. Es soll Raum gegeben werden, um zu erforschen, welche Spuren und Einschreibungen des Kolonialen im städtischen Raum bis ins 21. Jahrhundert bestehen. Dekoloniale ist es gelungen, den historischen Ort der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/1885 in der Wilhelmstraße als Projektraum zu sichern. Wir konnten nicht darauf warten, dass man uns einen Platz anbietet“, sagt Ibou Diop, „wir mussten uns den Raum selbst nehmen und ihn gestalten, nicht aus der Rolle der Marginalisierten heraus, die man uns über Jahrhunderte zugeschrieben hat, sondern ganz simpel: Weil wir dazugehören!“ Genau in diesem symbolischen Ort treffen wir uns zur Fortsetzung eines früheren Gespräches, das wir im Jahr 2021 geführt hatten.
Der promovierte Literaturwissenschaftler aus dem Senegal, 1979 in Sagatta geboren, lebt heute in Berlin und beschäftigt sich seit Jahren mit ästhetischen, literarischen und philosophischen Narrativen der Globalisierung. Nun ist Ibou Diop offiziell vom Berliner Senat damit betraut worden, ein Erinnerungskonzept Kolonialismus zu erarbeiten. Und für die Stiftung Stadtmuseum Berlin ist er in der sogenannten Kompetenzstelle Dekolonisierung tätig – kein einfaches Terrain, weil sich in dieser Stadt ja auseinanderstrebende Vorstellungen über Identitäten und Zugehörigkeiten kreuzen wie sonst kaum an einem anderen Ort in diesem Land.
Von der Kunst des Übersetzens
Am letzten Oktobertag dieses Jahres fand das Symposium dekoloniales denkzeichen statt. Ibou Diop nahm am Panel „Kunst des globalen Südens in deutschen Ausstellungsräumen“ teil. Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien, bezog sich in ihrem Statement auf Worte des hierzulande nahezu vergessenen Lyrikers David Diop. Dieser habe zu den Verbrechen der Kolonialzeit, ihren Kontinuitäten und zur Heuchelei der Europäer:innen alles gesagt, was zu sagen sei, meint die Staatsministerin und zitiert: „Also ist es pure Heuchelei, von einer Zivilisation der Nationen und gegenseitigem Gewinn in einer Gemeinschaft zu sprechen, deren Universtäten nicht einmal den Namen unserer großen Denker kennen und die Geschichte unserer Kaiserreiche stillschweigend übergehen.“
Diops gefeierter Gedichtband Coups de pilon war 1956 erschienen und wurde 1973 im legendären Pariser Verlag Présence Africaine verlegt. Zu hören war die zornige Stimme eines jungen Schriftstellers (1927-1960), der zuletzt in Dakar lebte und der berühmten Gruppe der Négritude verbunden war. Eben jener in den 1930er-Jahren entstandenen philosophisch-politischen Bewegung vorrangig französischsprachiger Schwarzer Intellektueller, die als Protest gegen die französische Kolonialherrschaft und die Assimilationspolitik begonnen hatte. Aus unterschiedlichen Sprachrealitäten stammend setzten sie kolonialer Unterdrückung und Rassismus einen Diskurs entgegen, der auf die uneingeschränkte und kollektive Befreiung der Menschheit zielte.
Als Ibou Diop und ich uns zu dem Interview ein paar Monate im August zuvor trafen, sprachen wir über Erzählkunst, das Übersetzen und Literatur als einen Raum transnationalen Erinnerns, dem ein utopisches Moment innewohnen kann. Er spricht über seine Erfahrungen als Mitglied der Jury für den Internationalen Literaturpreis, welches das Haus der Kulturen der Welt (HKW) und die Stiftung Elementarteilchen in jedem Jahr für ein herausragendes Werk der internationalen Gegenwartsliteratur in deutscher Erstübersetzung vergibt. (In diesem Jahr fiel die Wahl auf den Roman Die geheimste Erinnerung der Menschen des senegalesische Schriftstellers Mohamed Mbougar Sarr, übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller).
„Übersetzung ist für mich nicht nur Übersetzung, es ist Dichtung!“, meint Ibou Diop., „die Herausforderung, zum Beispiel den Dichter und Philosophen Èdouard Glissant zu übersetzen, besteht doch gerade darin, dass man die Ebenen – seine Gedanken zur Weltbeziehung – begreift, die bei Glissant in jedem seiner Worte mitschwingen – der Übersetzende muss tief in die andere Kultur hineintauchen.“ Wie kann das gelingen?
Der Literaturwissenschaftler kommt wie schon bei anderen Gelegenheiten auf den heute nahezu vergessenen deutschen Wissenschaftler und Kulturvermittler Janheinz Jahn zu sprechen, der von 1966 bis 1968 auch Generalsekretär des deutschen P.E.N. war. Jahn habe den Deutschen den Kosmos von Literatur aus Afrika in deutscher Sprache zugänglich gemacht, überzeugt davon, dass „alle Verschiedenheiten in der Natur des Menschen ihren gemeinsamen Nenner finden“. Diop hatte seinerzeit u. a. den Ausstellungsbereich zum Janheinz-Jahn-Archiv und zu afrikanischer Literatur in Europa im Berliner Humboldtforum kuratiert. Janheinz-Jahn (1918-1973) hatte sich intensiv mit dem „Übertragen“ von Texten in seiner Tätigkeit als Übersetzer und Herausgeber beschäftigt. Das belegen dessen Korrespondenzen u. a. mit Aimé Césaire, Langston Hughes, Abiola Irele, Wole Soyinka und nicht zuletzt Léopold Sédar Senghor. In seinem ersten Brief an Aimé Césaire stellte Janheinz Jahn sich und sein Projekt vor: Er plante die Herausgabe einer umfangreichen deutschsprachigen Anthologie mit Werken Schwarzer Autor:innen aus Nordamerika, von den karibischen Inseln, aus Afrika und Lateinamerika. Jahn nannte noch keine Texte, die er übersetzen wollte, sondern lediglich seine Beweggründe, ließ Ibou Diop den Besucher im Humboldtforum damals wissen: „Ich bin sehr froh, dass der renommierte Verleger Carl Hanser, der erst kürzlich einen Sammelband mit Gedichten aus dem Okzident und einen Sammelband mit Gedichten aus dem Orient veröffentlicht hat, sich nun in einem dritten Band auch der neuen schwarzen Dichtung widmet. Denn eine solche Anthologie ist in diesem Land, in dem nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Propaganda die kulturellen Errungenschaften nicht-weißer Völker einfach übergangen werden, wirklich bitternötig.“ Jahn war, sagt Diop, zutiefst davon überzeugt, das tiefe Gespräch mit den Autor:innen suchen zu müssen und in einem sich dem anderen zuzuwendenden Prozess der Wortschöpfung und Sinnfindung – beispielsweise im Zuge der Übersetzung von Texten des großen Aimé Césaire aus dem Französischen – eine neue Text-Kreation für das deutsche Lesepublikum zu schaffen.
Über Sprachgrenzen hinausgehen
Aus der Position heraus, dass ihre Geschichte nicht von ihnen selbst geschrieben wurde, erinnert Ibou Diop an die Intellektuellen, Schwarze Männer und Frauen, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen haben zu schreiben. In ihrem Versuch, ihre Kulturen der Welt zu vermitteln, hätten sie nicht ihre eigene Sprache benutzt, sondern eine andere, die sie in den kolonialen Institutionen erlernt hatten. „Mindestens zwei Sprachen und zwei Gesellschaften sind also in einem Text zusammengekommen. Sie waren gezwungen, über unterschiedliche Sprachgrenzen hinauszugehen, um ihr Wissen, ihre Kulturen, ihre Erzählungen, ihre Geschichten in die Welt zu bringen. Das heißt, afrikanische und afrikanisch-diasporische Literatur war immer eine vermittelnde Instanz zwischen Kultur und Gesellschaft. Und in dieser Hinsicht waren sie immer intersektional.“
Für Diop, der über den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq seine Promotion schrieb, ist Literatur ein Ort der Inspiration und ein Ort der Aufarbeitung und Auseinandersetzung. Weil sie nicht sagt, was ist, sondern was sein könnte, zitiert Diop sinngemäß den französischen Semiotiker Roland Barthes. Solche Ansätze findet er zum Beispiel im Werk von Langston Hughes, einem der produktivsten Schwarzen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts und eine zentrale Figur in der Harlem Renaissance. Seine Texte aus der Perspektive eines schwarzen, jüdischen, homosexuellen Mannes aus den USA, der zudem ein Kommunist war, richteten sich an alle diese Communities. Hughes habe in der Literatur eine Welt gefunden, sagt Diop, in der alle diese Themen ansprechbar waren und in denen Strategien für das Überleben innewohnten. „Das heißt für mich, dass Literatur aus afrodiasporischen Perspektiven einen Fundus von Erinnerungen bilden, die nicht in einem Geschichtsbuch zu finden sind. Aber in diesen Werken haben sie Wissen gespeichert. Für uns heute. Das erlaubt uns, auszuprobieren, inwieweit wir Erinnerung nicht nur etwa aus unterschiedlichen Communities denken, sondern eine Vorstellung dafür haben wollen, was wir – und jetzt komme ich auf Erinnerungskultur hier zu sprechen – für eine deutsche Gesellschaft in Zukunft wollen.“
Von dekolonialer Praxis und neuem Wissen
„Berlin übernimmt Verantwortung für seine koloniale Vergangenheit“, beschloss das Abgeordnetenhaus 2019 – und beauftragte den Senat, ein gesamtstädtisches Aufarbeitungs- und Erinnerungskonzept zu erarbeiten. Und zwar mithilfe jener Zivilgesellschaft aus vor allem afro- und asiadiasporischen Organisationen. Die Aktivist:innen hatten seit über 30 Jahren den Kolonialismus und seine Spuren in der Stadt hinterfragt, die Umbenennung von Straßen und die Rückgabe von menschlichen Gebeinen und Zehntausende von sakralen »Objekten« aus Berliner Museumskellern an ihre Herkunftsgesellschaften gefordert. Nicht zuletzt ging es ihnen um mehr Sichtbarkeit und Diversität in Kulturhäusern und im Bildungsbereich.
Täuscht der Eindruck oder ist mit dem Ringen um koloniales Erinnern etwas in Bewegung geraten, das deutsche Selbstgewissheiten in Frage stellten könnte und Bestand haben wird? Was bedeutet postkoloniales Erinnern? In seiner Rede, wie ein dekoloniales Erinnerungskonzept aussehen könnte, hatte Ibou Diop Anfang dieses Jahres ein programmatisches Konzept vorgestellt. „Postkoloniales Erinnern heißt, die unerzählten Geschichten, die von der Mehrheitsgesellschaft erfolgreich marginalisierten Geschichten, die Geschichte des Widerstands gegen Kolonialismus und Unterdrückung, als Teil der nationalen Geschichte anzuerkennen und in einem europäischen Zusammenhang zu sehen“.
Ich will wissen: Was lässt sich daraus für eine dekoloniale Praxis ableiten im Hinblick auf eine verantwortungsvolle und kritische Auseinandersetzung mit Kolonialität im Kultur- und Bildungsbereich? „Für mich braucht es eine Praxis, die versucht anhand von Sprache, sich dieser Themen anzunähern. Wir können nicht mit den gleichen Termini, die auf dem Kolonialismus fußen, etwas Neues erschaffen. Das funktioniert nicht. Wir brauchen eine neue Sprache und diese neue Sprache muss so offen sein, dass Menschen erst mal bereit sind, zuzuhören, was gemeint ist. Deswegen werden wir in diesem Konzept nicht mehr vom Kolonialismus und Dekolonisierung sprechen, sondern von (Un)Abhängigkeiten.“ Das meint? Es geht darum, sagt Ibou Diop, dass wir die heutigen Beziehungen zu den Ländern, deren Ressourcen Europa sich auf koloniale Weise angeeignet hat, hinterfragen. Müssten wir nicht bestehende Abhängigkeiten, die sich in unseren Beziehungen einzementiert haben, freilegen, um sie überwinden zu können? Koloniales Unrecht muss anerkannt werden, wir müssen uns damit auseinandersetzen und so eine neue Ethik der Beziehungen erschaffen, die nicht auf Unterdrückung basiert, wie Senghor es in seinem Text Le rendez-vous du donner et du recevoir darlegt. In dieser neuen Welt des Gebens und Nehmens dürfen wir niemanden vergessen.
Die Welt wurde über Jahrhunderte hinweg aus der »westlichen« und vor allem auch aus der »weißen« Perspektive gedeutet; Europa hat die Welt nach seinem Verständnis geformt und seine vermeintlichen Gewissheiten zu universell gültigen Wahrheiten erklärt. Deshalb brauchen wir, sagt Ibou Diop, eine Kanon-Reform. „Dafür muss ich noch ein Wort finden, gemeint ist, wir brauchen neues Wissen. Wir brauchen andere Bücher; wir müssen unsere Nationalbibliothek so aufbauen, dass Menschen aus unterschiedlichen Welten sich darin wiederfinden. Es reicht nicht mehr, nur Kant und die westliche Aufklärung zu verstehen. Wenn wir die Aufklärung verstehen wollen, dann müssen wir genau wissen, was hat Muḥammad Iqbāl zu gleicher Zeit dazu gedacht hat, kurzum, müssen wir verstehen, was die Aufklärung für den arabischen Raum bedeutete.“ Einen solchen utopischen Raum stelle er sich „als einen Raum vor, als einen Bibliotheksraum, in dem es möglich ist, dass Sharon Dodua Otoo neben Ken Bugul neben Aleida Assmann neben Ingeborg Bachmann stehen kann. Dass wir all diese Texte als eine Ergänzung einer Weitererzählung von Gesellschaften sehen.“
Es gäbe in Wedding eine Bibliothek zu afrodiasporischer Literatur, Philosophie und Kultur von EOTO (each on teach one), die man ausbauen könne, aber irgendwann „später wird es so sein, dass man nicht mehr sagen kann, irgendwo gibt es Schwarze Literatur zu lesen. Diese Schwarze Literatur hat nur Kraft, wenn man sie mit anderem Wissen konfrontiert. Und deswegen habe ich in einem Interview gesagt, dass Deutschland nie weiß war. Damit ist gemeint, dass diese Gesellschaft immer davon gelebt hat, dass kluge Menschen sie geprägt haben, gleichgültig, wo sie herkamen. Weißsein ist ein Konzept, das es in den Köpfen gibt, aber nicht in der Realität.“
Es ist offensichtlich: Wenn das offizielle Berlin über Erinnerungskultur spricht, ist etwas anderes gemeint, als wenn die Zivilgesellschaft aus BIPOC-Perspektive spricht. Für die Politik geht es um historische Momente, aus zivilgesellschaftlicher Perspektive geht es um Lebensrealitäten, sagt Ibou Diop. Und Veränderungen seien nur aus einer gewissen Widerständigkeit heraus zu bewirken. „Sie seien nicht etwas, woran man einen Haken setzen kann und es für erledigt hält. Widerständigkeit birgt in sich immer eine Vorstellung von einer möglichen Zukunft. Es ist ein Hinarbeiten auf etwas. Und dieser Prozess des Hinarbeitens hat kein Ende. Widerständigkeit bedeutet sein Selbst und sein Positioniert-Sein in der Gesellschaft in Frage zu stellen. Für mich bedeutet das, eine Gesellschaft so auszurichten, dass sie bereit ist, alle ihre Kinder zu empfangen.“





