Unter uns Frauen

Im ländlichen Äthiopien sind die medizinische Versorgung von Schwangeren und die Geburt eines Kindes komplizierte Themen. Viele Frauen, die in ihrer Dorfgemeinschaft verwurzelt sind, stehen der Geburtshilfe in den oft entfernt gelegenen Krankenhäusern mit Skepsis gegenüber. Ärzte in der Klinik und Hebammen, die im staatlichen Gesundheitssystem arbeiten, versuchen die Frauen davon zu überzeugen, in einem modernen Health Center zu entbinden.

Dokumentarfilm, Deutschland / Äthiopien 2021

Buch und Regie: Sarah Noa Bozenhardt

Co-Regie: Daniel Abate Tilahun

Kamera: Bernarda Cornejo Pinto

Ton: Alex Praet

Musik: Anna-Marlene Bicking

Schnitt: Andrea Muñoz

Produktion: evolution Film

Im ländlichen Äthiopien sind die medizinische Versorgung von Schwangeren und die Geburt eines Kindes komplizierte Themen. Viele Frauen, die in ihrer Dorfgemeinschaft verwurzelt sind, stehen der Geburtshilfe in den oft entfernt gelegenen Krankenhäusern mit Skepsis gegenüber. Ärzte in der Klinik und Hebammen, die im staatlichen Gesundheitssystem arbeiten, versuchen die Frauen davon zu überzeugen, in einem modernen Health Center zu entbinden. Doch die Vorbehalte sind groß. Abgeschieden von den größeren Städten der Region entschließen sich viele Frauen trotz der klinischen Vorteile für eine Hausgeburt im Kreise ihrer Familie. Auch die hochschwangere 25-jährige Huluager Endeshaw, die im Dorf Megendi im Norden Äthiopiens (Region Amhara) lebt und ihr viertes Kind erwartet, ist hin- und hergerissen, ob sie ihr Kind zuhause, begleitet von der traditionell arbeitenden Hebamme Endal, zur Welt bringen oder in einem Health Center entbinden soll.

Unter uns Frauen ist ein Film, der aus der Perspektive von Frauen über das Glücksgefühl, die Ängste und Hoffnungen von werdenden Müttern und der hingebungsvollen Arbeit von Hebammen erzählt. Wenn die traditionelle Endal eine werdende Mutter besucht, sprechen die Frauen über weit mehr als nur über ihre Schwangerschaft. In den Begegnungen entsteht ein Raum für Austausch und gegenseitige Unterstützung, der als universelle Erfahrung von Frauen gedeutet werden kann, die ein Kind erwarten. Vordergründig geht es um den Wandel in der Geburtshilfe im ländlichen Äthiopien, dahinter stehen Geschichten von Frauen, die die ihnen zugedachten Rollen überwinden wollen und aufbegehren. In den Gesprächen untereinander bekommen die Zuschauenden eine Ahnung von der Macht der Regeln, die die Frauen in familiären Kontexten in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft befolgen sollen.

Ein Prinzip des Films ist, dass an keiner Stelle das Geschehene oder die Aussagen bewertet werden, die Filmemacherinnen geben ihren Protagonistinnen Raum und Zeit für das Entwickeln von Gedanken. Geduld verlangt der Film auch vom Zuschauer. Er erzählt seine Geschichte(n) in langsamen Einstellungen. Bernarda Cornejo Pintos Kameraführung schafft eine Ästhetik, die eine Atmosphäre besonderer Intensität entstehen lässt, wenn sie intime Momente wie die der Geburt in einer kleinen Hütte diskret einfängt oder oft nah an den Frauen verweilt, ohne diese jedoch zu entblößen. Augenfällig ist auch, dass Huluager die Dreharbeiten im Dorf nutzt, um sich aus einer empfundenen Lethargie und Abgeschiedenheit zu befreien und gegen die Familie und ihren Mann aufzubegehren. So gesehen nehmen die Zuschauerinnen Anteil an einer Emanzipationsgeschichte. Als kritisch Zuschauende war ich verblüfft über die Offenheit, mit der Huluager über ihr Geheimnis der Untreue spricht oder wie es gelingen kann, intime Szenen aus der Mitte der Gemeinschaft der Frauen so drehen zu können, wie sie im Film dann später gezeigt werden.

Fast vergisst man, dass bei jeder Szene eine Kamera zugegen ist, und unweigerlich stellt sich die Frage nach der Rolle der Regisseurin als „weiße Frau“ im Verlauf der Entstehungsgeschichte des Films. Wenn man mit dem Film arbeiten will, ist es hilfreich zu wissen, dass die junge Regisseurin Sarah Noa Bozenhardt in Äthiopien aufgewachsen ist und der „konstante Dialog mit den Menschen vor der Kamera und mit meinen Kolleg*innen“ immer im Zentrum ihrer Arbeit gestanden hat. Ein solcher Kollege ist der äthiopische Co-Regisseur Daniel Abate Tilahun mit Wurzeln in der Gemeinschaft des Dorfes. Seine Mutter hat die Filmcrew allen im Dorf vorgestellt, sie lebt dort; und Bozenhardt selbst verbrachte viel Zeit mit den Menschen dort. Und das merkt man dem Film an. Warum sollten sich die Frauen, die traditionell leben, gegenüber einem Filmteam offen verhalten und über intime Angelegenheiten sprechen? Warum sollten sie diese Nähe zulassen?

„Mir war klar, dass dieses Vorgehen viel Zeit und Ausdauer kosten würde; aber für mich war es ein entweder so oder gar nicht“, sagt Sarah Noa Bozenhardt, für die der Film auch „ein ganz neues Lernfeld“ war. Und: Hatten 4 Arbeitshilfe zu „Unter Uns FrAUen“ © eZeF – www.ezef.deUnter uns Frauen sie das Recht, Huluagers Geheimnis der Öffentlichkeit preiszugeben, fragen sich Bozenhardt und Tilahun (siehe Text 5). Immerhin muss Huluager ja damit leben, nicht der Zuschauende: „Aber Hulu“, sagt die Regisseurin, „ist sehr stolz auf sich, auf ihre Entscheidung, die Wahrheit zu sagen und ein anderes Leben zu beginnen. Ich habe viel von Hulu gelernt und sie von uns. Sie hat sich viel mit unserer äthiopischen Crew unterhalten, die ein ganz anderes Leben hat als sie. Vielleicht hat sie das auch inspiriert.“

Der ganze Text erschien bei EZEF – Filme aus dem Globalen Süden.